Erfahrung und Kompetenz
in der häuslichen Pflege

Plätzchen backen bei Freunden

Pflegebedürftig wird oft auf Hilfe bei der Körperpflege reduziert. Doch dank den zusätzlichen Betreuungsleistungen und der Verhinderungspflege können Fachkräfte auch stundenweise Freizeitgestaltung für Ältere anbieten, wovon auch Reinhard und Annemarie Münch profitieren. Ab dem 1. Januar 2015 treten hier noch weitere Verbesserungen in Kraft.

WeihnachtenNormalerweise sehen sich Sabine Lindner und Reinhard Münch nicht. Schließlich kümmert sich Lindner, Mitarbeiterin der Ökumenischen Sozialstation Ludwigshafen, mehrmals im Monat für ein paar Stunden um Münchs Ehefrau Annemarie, um ihm eine Auszeit zu gönnen. Und ihr ein Stück Abwechslung im Alltag. Zusätzliche Betreuungsleistungen und Verhinderungspflege heißen diese Angebot des Gesetzgebers, die die Kassen finanzieren. Heute bleibt Reinhard Münch jedoch da, bindet seiner Frau eine blaukarierte Schürze um. „Die habe ich aus einem Kleid meiner Tochter genäht“, erinnert sich die 84-Jährige und schaut sich ihre Stickerei darauf an.Lindner gibt Butter und Zucker in eine Rührschüssel, dann darf Münch mit dem Handrührgerät das Ganze vermengen. Herauskommen soll später ein Teig für Plätzchen. Die gab es so früher nicht , erinnert sich die Mundenheimerin. „Wir haben Grießkuchen gebacken, drei Tassen Gries, drei Tassen Zucker, wir hatten ja nicht so viel“, erinnert sie sich, während sie gekonnt mit dem Rührgerät die Seitenwand der Schüssel bearbeitet, um den Teig gleichmäßig hinzubekommen. „Das Erfolgserlebnis zählt“, sagt Lindner, die ihre einzelnen Patienten liebgewonnen hat, dort kocht, backt oder auch über Fernsehsendungen spricht. „Ich komme wie zu Freunden.“

Nachdem Mehl und zwei Eier hinzugekommen sind, knetet Lindner den Teig. „Ich muss noch Mehl zugeben, ich glaube, die Eier sind zu groß“, sagt die Betreuerin, was Münch an eine weitere Geschichte aus ihrer Kindheit erinnert. „Ich hab’ als Kind immer gesagt gekriegt, iss nicht zu viele Eier, da kriegste Bauchweh davon.“ Aber selbst bei drei am Stück habe sie davon nichts gemerkt.

Lindner bestäubt ein Brett mit Mehl, während Reinhard Münch die Backbleche zusammensucht. Das gemeinsame Backen ist eine Besonderheit. Schließlich geht Lindner in der Regel mit Annemarie Münch spazieren. „Wir laufen zu den Schrebergärten am Bahnhof“, sagt Lindner. „Das ist abschüssig, mit dem Rollator gut für Arme und Beine.“ In dieser Zeit kann Münchs Ehemann etwa die Einkäufe erledigen, die zu zweit deutlich länger dauern würden. „Ich komme, er geht“, sagt Lindner. Oft genug hat er aber auch den Haushalt zu erledigen, kocht und backt. Auch deshalb kennt sich der 83-Jährige so gut in der Küche aus. „Als er mich gefragt hat, ob er mich heiraten kann, hab ich gesagt, ,ich kann nicht kochen‘“, erzählt Münch. „Dann machen wir das gemeinsam“, habe er geantwortet. 57 Jahre ist das jetzt her. „So, sie dürfen jetzt auswalken“, sagt Lindner und drückt Münch den Teigroller in die Hand. „Das kräftigt die Muskeln“, ergänzt sie und muss Münch regelrecht bremsen, die mit viel Spaß bei der Sache ist.

Unter den vielen Förmchen wählt Münch das Herz aus, sticht ein Plätzchen nach dem anderen aus. „Da haben Sie sparsam ausgestochen“, sagt Lindner. „Wollen Sie mal einen Stern nehmen?“ Schließlich entsteht das zweite Blech mit einer bunten Mischung aus Schweinen, Schneemännern, einem Jesuskind, Hähnen und Sternen. „Wenn ich sie nach dem Stern gefragt hätte, wäre sie beim Herz geblieben“, sagt Reinhard Münch scherzhaft. „Es kommt darauf an, wie man das Ganze verkauft“, sagt Lindner. Gegen Sturzprophylaxe etwa habe sich die 84-Jährige gewehrt. „Mit Musik haben wir dann aber zusammen getanzt“, sagt ihr Ehemann.

Inzwischen pinselt Reinhard Münch die letzten Plätzchen mit Eigelb ein, so langsam spürt seine Frau die ungewohnte Tätigkeit. Der Rücken schmerzt. „Lehnen Sie sich zurück, trinken Sie einen Schluck“, rät Lindner, während es bereits verführerisch nach Plätzchen duftet.